Wachkoma als Erlebensprozess

In seiner ursprünglichen Bedeutung wird unter
apallischem Syndrom ein Erlöschen des Selbst-
bewusstseins und der Kontaktfähigkeit in Folge
einer schweren Schädel-Hirnverletzungen oder
eines Sauerstoffmangels am Gehirn verstanden.
In Anlehnung an die französiche Bezeichnung
"coma vigile" wird auch von einem Wachkoma
gesprochen: der Patient liegt mit offenen Augen
da, fixiert nicht und ist aus eigener Kraft zu
keinerlei Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt
fähig, obwohl manchmal bereits vegetative und
emotionale Reaktionen auftreten.
 
Im entwickelten Stadium besteht zwar eine
stabile Atmung, es zeigt sich ein Schlaf-Wach-
Rhythmus, es besteht aber infolge einer
allgemeinen Muskeltonuserhöhung (Spastik)
eine weitgehende Bewegungsunfähigkeit.
Wegen der überwiegend vegetativen Sympto-
matik wird die Erkrankung auch als "vegetati-
ver Zustand" bezeichnet.
 
"Das Wachkoma" gibt es im Prinzip nicht, jeder
Betroffene hat differenzierte, eigene Aus-
prägungen von Kontaktvermögen. Es existie-
ren 7 Remissionsphasen (Rückbildungsphasen),
in denen Entwicklungsstadien mit wieder er-
worbenen / trainierten Fähigkeiten beschrie-
ben werden.
 
Die biomedizinische Sichtweise versucht den
Zustand des Betroffenen nicht primär durch
seine Defizite zu beschreiben. Sie bemüht sich
statt dessen um eine Betrachtung unter Einbe-
zug von Beobachtungen und Erfahrungen der
Betreuer, unter Betonung der individuellen Bio-
graphie sowie der Möglichkeit zu einem aktiven
Erleben. Fehlende Reaktionsfähigkeit und
Weckbarkeit werden nicht, wie im klassischen
Sinne, mit Wahrnehmungs- und Empfindungs-
unfähigkeit gleichgesetzt. Im biomedizinischen
Kontext bedeutet Wachkoma nicht mehr
Ausfall des Bewusstseins mit gleichzeitigem
Persönlichkeitsverlust. Die Störung wird als
hochgradiger Dissoziationszustand der leib-
seelisch-geistigen Integrität des Individuums
verstanden, der einen Rückzug auf "elementare
Stufen des autonomen Körperselbst" (Zieger
1998) zur Folge hat (Bienstein/Hannich, 2001).

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